Future Flora

Giulia Tomasello

Celebrating Female Biophilia

Grand Prize – Artistic Exploration: Awarded for artistic exploration and art works where appropriation by the arts has a strong potential to influence or alter the use, deployment or perception of technology.

Wir sind nicht nur einzelne Individuen, die auf dem Planeten umherwandern: wir sind wandernde Ökosysteme aus Mikroben. Mikroben sind im Boden, im Wasser und sogar in unserem Körper. Der durchschnittliche menschliche Körper besteht aus Billionen von Zellen: deshalb können wir leicht sagen, dass wir nur zu 10% Menschen sind. Wir leben und koexistieren mit ihnen. Die anderen 90% des menschlichen Körpers bestehen aus verschiedenen Mikroorganismen, von denen die meisten für ihren Wirt von Vorteil sind. Mikroben wie Bakterien, Pilze und Viren sind Teil unseres Mikrobioms der Haut und bedecken sowohl die innere als auch die äußere Oberfläche des Körpers. Obwohl für unsere Augen unsichtbar, hat unser Mikrobiom eine symbiotische Beziehung mit der Schnittstelle zwischen unserem Körper und der Umwelt – unserer Haut.[1]

Future Flora zielt darauf ab, diese symbiotische Beziehung zu fördern, welche die Präsenz von nützlichen Mikroben und Bakterien im menschlichen Körper erhöht, und schlägt eine Alternative vor: Probiotika zu tragen und unseren Körper gesund zu halten. Future Flora ist ein Set für Frauen zur Kultivierung von Bakterien, das zur Behandlung und Vorbeugung von Vaginalinfektionen dient. Die Anwenderin ist eine Frau, bei der die Biotechnologie zu Hause Einzug halten soll, wodurch es der Wissenschaft ermöglicht wird, Alternativen zu traditionellen Medikamenten und Probiotika aufzuzeigen. Basierend auf DIY-Verfahren und der Verschmelzung von Biologie und Gesundheitstechnologie richtet sich Future Flora an Frauen, welche die Kontrolle über ihren eigenen Körper als wertvolle und intime Praxis der Selbstpflege übernehmen und sich damit an der Kultur und der Kenntnis der Wissenschaft beteiligen. Wie kann Design unsere Wahrnehmung herausfordern und die symbiotische Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und seinem Mikrobiom zelebrieren? Mit dem Vorschlag diese symbiotische Beziehung auf alternative Weise zu fördern, indem die Probiotika in unserer Unterwäsche getragen werden, um den Körper gesund zu halten.

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Das Projekt befasst sich mit der Züchtung und Pflege lebender Organismen als Praxis für zu Hause. Das Bakterienkissen züchtet die notwendigen Stränge von Lactobacillus-Bakterien und fungiert als lebende Kultur von Probiotika, um eine feindliche Umgebung für die weitere Entwicklung von Candida Albicans zu schaffen. Durch den Kontakt des Pads mit den weiblichen Genitalien wachsen die gesunden Bakterien auf der Oberfläche des mit Candida infizierten Bereichs und rekonstruieren die im Vaginalepithel fehlende Mikroflora. Angesichts der Tatsache, dass 75% der Frauen mindestens einmal im Leben an Candida Vulvovaginitis (CVV) leiden, verfolgt Future Flora den Ansatz von Frauen im Kontext der persönlichen Selbstpflege und des Körperbewusstseins durch die Erzeugung einer intimen Interaktion zwischen der Wirkung nährender Bakterien während ihres Wachstums und deren Applikation als zweite Schicht in ihrem Höschen.

Tomasello zelebriert eine Biophilie der Frau und eröffnet die Möglichkeit, in Zukunft Mikroorganismen zu tragen und sie als Teil unseres natürlichen Wohlbefindens anzunehmen. Die Frau nimmt ihre Gesundheit selbst in die Hand und wird zur Bürger-Wissenschaftlerin, indem sie eine erste Beziehung zu ihrem Körper und seinem mikroorganischen Lebensumfeld aufbaut. Kleidung und Accessoires werden zum Ökosystem, das die gesamte Mikroflora der Haut ausgleicht.

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Future Flora schlägt Alternativen vor, um biologische Heilmittel in unserem Haus zu nutzen und die Werte und Überzeugungen, die unsere Gesellschaft in der materiellen Kultur verkörpert, in Frage zu stellen. Die Absicht hinter Future Flora ist es, ein Hilfsmittel zu entwerfen, welches Frauen ermöglicht, eine aktivere Rolle in ihrer Gesundheitsfürsorge zu übernehmen, sie dazu veranlasst, bei Bedarf ärztlichen Rat einzuholen und schließlich einige der Tabus aufzubrechen, die mit der Urogynäkologie verbunden sind. Es wurde entwickelt, um Frauen zu stärken und ihre Selbstpflege zu verbessern, sich mit ihrem eigenen Körper vertrauter zu machen, Selbstvertrauen zu entwickeln und aktive Patientinnen zu werden, die in der Lage sind, professionellen Rat zu suchen, ihre Symptome offen zu diskutieren und schließlich die Tabus zu brechen, die immer noch mit gynäkologischer Gesundheit verbunden sind, ein soziales Stigma, das sowohl in den Industrieländern als auch in den Entwicklungsländern immer noch weit verbreitet ist. Future Flora will neue Vorschläge für die Gesellschaft und die Zukunft der Frauengesundheit herausfordern, indem sie die Bedeutung des Ansatzes der weiblichen Biophilie einführt.

[1] The Human Microbiome Project, a research initiative by the US National Institutes of Health (2008-2017), investigated the role of microbial flora in human health and disease. Info adapted from https://en.wikipedia.org/wiki/Human_Microbiome_Project

Credits

Giulia Tomasello (IT), geboren 1990, ist Interaktions-Designerin und Forscherin mit den Schwerpunkten Wearables, Biotechnologie und Materialveredelung. Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Interactive Wearables an der Nottingham Trent University. In den letzten zwei Jahren hat sie das Potenzial von Biotechnologie und lebenden Materialien untersucht und eine biologische und nachhaltige Alternative für elektronische Textilien vorgeschlagen. Sie versteht sich als Schöpferin und Forscherin, die mit Materialität die Grenzen zwischen Technik und unserem Körper hinterfragt und kommuniziert. Indem sie alternative Szenarien entwirft und als kreative Denkerin agiert, hinterfragt Giulia unsere Vorstellungen von Wohlbefinden, um innovative Werkzeuge an der Schnittstelle von Medizin und Sozialwissenschaften zu entwickeln. Diese Schnittstellen werden durch ihre multidisziplinäre Zusammenarbeit und die Symbiose zwischen ihrer kreativen und wissenschaftlichen Arbeit ermöglicht, die den Wissensaustausch und die soziale Integration im Gesundheitswesen ermöglicht.

Future Flora
Designer and creator: Giulia Tomasello
Graduate project from Material Futures Master Course
Central Saint Martins College of Art & Design
External expert: Biologist Arian Mirzarafie-Ahi

Future Flora (Video)
https://vimeo.com/171795174
Film, editing and art direction, designer: João Gil
Sound/Music: Anne Queffelec – Eric Satie, Gnossienne n4

Girl Biophilia (Documentary)
https://www.youtube.com/watch?v=DMYIOHzpu-E
Creative direction and production: Maja Zupano
Director of photography: Jan Vrhovnik
Production design: Maja Zupano
1st AC: Kash Khan
Production assistant: Max Celar
Lighting: Jan Vrhovnik
Styling: Martina Rocca
SOUND
Boom operator: Julia Hardecka
Music composer: Joseph Daly
Sound design: Julia Hardecka
Location and talent scout: Maja Zupano
POST PRODUCTION
Film editing: Maja Zupano
Color grading: Jan Vrhovnik
CAST THE GIRLS
Vanessa David
Sharondeep Kaur Johal
Kristina Lipinskaite
Martina Rocca
FUTURE FLORA
Designer and creator: Giulia Tomasello
SCIENTIST
Science communicator, founder at The A Level Biologist: Arian Mirzarafie-Ah

Jury Statement

Durch den dichten digitalen Wald wurde der Ruf nach Rückkehr in die Natur, nach Aufmerksamkeit für das Leben, die Biologie, das Selbst, den Körper – insbesondere die Stärkung des weiblichen Körpers und seiner Sexualität – laut und deutlich, was nach einem Jahr #MeToo keine Überraschung war. Als Reaktion auf diese kollektive Bewusstseinswelle war sich die Jury einig, dass Future Flora das Thema der Rückgewinnung weiblicher Macht – mit DIY und ohne Scham – auf eine Weise annimmt, die anderen, die nach einer Stimme suchen, Kraft geben könnte. Die Interaktionsdesignerin Giulia Tomasello rückt Themen in den Vordergrund, die die medizinische Gemeinschaft bei der Herstellung von Arzneimitteln für Frauen berücksichtigen sollte. Dieses Projekt verpflichtet auch die Öffentlichkeit, sich mit der Frauenhygiene und den damit verbundenen Tabus auseinanderzusetzen. Es bringt uns dazu, anders über Bakterien nachzudenken – wichtig in Zeiten des übermäßigen Einsatzes von Antibiotika und Antiseptika, die das ökologische Gleichgewicht zerstören. Mit dem Aufkommen der wissenschaftlichen Erforschung des Mikrobioms fragt die Designerin, was wir von der Idee halten, dass wir fast ausschließlich aus Bakterien bestehen. Viele bestehende Behandlungen beinhalten eine ganze Reihe von Chemikalien, die Hefeinfektionen heilen, aber auch gute Bakterien zerstören und so die Situation für Frauen verschlimmern. In ihren eigenen Worten erklärt Giulia: „Das Kit wurde entwickelt, um es Frauen zu ermöglichen, ihre ganz persönliche Hautflora zu Hause zu erzeugen, zu pflegen und zu ernten, indem sie nicht nur zu Konsumentinnen, sondern auch zu aktiven Teilnehmerinnen ihrer eigenen Gesundheit und ihres Wohlbefindens werden“. Digitale Technologien entführen uns in eine immaterielle Welt aus leuchtenden Daten. Als Digital Ghosts halluzinieren wir darüber, allmächtig zu sein, sogar unsterblich unter der Sonne einer gottähnlichen künstlichen Intelligenz. Giulia Tomasello zwingt uns, unseren Blick vom digitalen Himmel auf den verletzlichsten weiblichen Körperteil, die Vagina, zu senken. Mit Future Flora zeigt sie diese Verwundbarkeit als Stärke, indem sie die verkörperte Offenheit als Medium zwischen inneren und äußeren Organismen nutzt und so das schafft, was sie ‚Future Flora‘ nennt. Future Flora liefert ein klares und lautes Signal, dass ‚Future‘ nicht nur ‚Digital‘ ist. Die Jury des STARTS-Preises erhielt Giulias aufschlussreiche Botschaft: Es gibt ein enormes Innovationspotenzial im europäischen Geist, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es unsere körperliche Existenz ist, die die Phantasie anregt.